Christian Brenner Interview

Red: Christian, lass uns zunächst kurz zurückblicken: Wie kam es dazu die Radio. Cloud ‚zu erfinden‘? 

 

Christian: Unser Kunde BLR, also der Network Anbieter für Nachrichten, Beiträge und Network-Sendungen für bayerische, aber auch außerbayerische Lokalsender, hat uns eine Aufgabenliste erstellt, wie wir das bestehende BaySatNet Satellitennetzwerk mit zahlreichen neuen Features ausstatten sollten – oder gleich ganz ersetzen. Wir gingen dann auf die Suche vor allem in USA und Italien, dort gibt es die meisten Sender und Netzwerke. Das ernüchternde Ergebnis: Es gab nicht annährend eine Lösung für unsere Aufgabenstellung. Nach anfänglichem Frust keimte die Freude des Unternehmers auf: Wenn es so etwas noch nicht gibt, bauen wir es selbst und haben dann erst einmal eine Alleinstellungsmerkmal.  

 

Somit haben wir mit mehreren Kunden, potenziellen Nutzern und 2 Beratern „Wünsch-Dir-Was“ gespielt und endeten mit fast 100 Features die praktisch wären im Radio der Zukunft.  

Was uns außerdem half, war die Erfahrung meiner früheren Firma SmartCast (die heute zu Astra gehört), wo wir weltweit über 400 TV-Sender betreut hatten. Wir haben viel dabei gelernt was die USRiesen wie Disney, Sony, Turner und Fox auf der Agenda haben. Allgemein ist Fernsehen im Bereich Cloud, Automation und künstlicher Intelligenz dem Radio weit voraus.  

 

Red: Wie kommt man dann von der Wunschliste zu einem Sendefähigen System? 

 

Christian: Wir hatten das Glück das Projekt nicht nur am Reißbrett entwickeln zu müssen, sondern mit einem Anker Kunden starten. Für ein innovatives ‚Startup-minded‘ Produkt ist eine agile Entwicklung zusammen mit Kunden optimal.  

 

Die BLR und die Jungenradio-Kette Galaxy haben bei uns unterschrieben – auf eine PowerPoint Präsentation -, das Produkt radio.cloud oder besser „BayCloudNet“ wie unser Produkt in Bayern heißt für mehrere Jahre zu mieten. 

 

Neben Dankbarkeit für das Vertrauen hatten wir aber plötzlich ein „Problem“. Von Vertragsunterschrift bis zum ersten Sender OnAir waren es sechs Monate. Das hatte mit dem Auslaufen bestehender Verträge des Satelliten zu tun. Es war klar, dass wir am Münchner Arbeitsmarkt das Team nicht zusammenstellen können, außer es wird richtig teuer z.B. über Outsourcing. Hier half uns ein Stück unsere Historie mit der früheren Firma: Unser wichtigster Markt war Indonesien. Es gab hier auch schon eine Schwesterfirma von NexCast und viel Erfahrung vor Ort. Eine Stellenanzeige im dortigen „JobsDB geschaltet, mehrere 100 Gesuche gesichtet, ein Serviced Office gemietet, und mit dem neuen Team und 2 Kollegen aus früheren TV Projekten in Deutschland angefangen die radio.cloud zu bauen 

 

Der erste Sender ging am 05. Dezember 2018 im oberpfälzischen Weiden on Air. „80er um 8“ bei Radio Ramasuri kam komplett aus der Cloud, der Moderator saß in Berlin im Home-Office. 

 

Red: In einem Satz: was passierte dann bis heute? 

Christian: Wir haben 16 weitere „Networks“ und insgesamt 162 Playouts installiert, 1800 Tickets (also Arbeitsaufgaben für Entwickler) abgearbeitet und derzeit noch 280 offene Tickets. 

 

Red: Ist das viel? Was kann man sich darunter vorstellen? 

Christian: Ein Ticket kann vieles sein, ein neues Feature, eine Optimierung einer Funktion, Verbesserung der Betriebssicherheit, oder auch mal die Behebung eines Bugs. Auf unserer Roadmap für 2021 stehen tatsächlich noch 65 weitere neue Funktionen, die radio.cloud für unserer Kunden noch hilfreicher, effizienter machen und für on air weite spannenden Funktionen ergänzen. Und das Schöne an unserem Geschäftsmodell: Jeder Kunde bekommt die Updates ohne extra Kosten. 

 

Red: OK, à propos, Hand aufs Herz, Betriebssicherheit und Bugs, wie steht es bei der radio.cloud? 

 

Christian: Wir werden hier immer besser. Die meisten Kunden hatten in den letzten sechs Monaten überhaupt keine Probleme On Air. Ehrlicher Weise muß man sagen: Die meisten heißt nicht alle. Es gab einige wenige Probleme die auch OnAir zu hören waren. Wir uns unsere Kunden haben den Anspruch, dass es schlicht immer perfekt läuft. Hier arbeiten wir 2021 mit mehreren Kollegen nur an der Optimierung „100% Sendesicherheit“. Unsere Plattform ist heute sehr stabil, neue Features sind aber theoretisch bei jeder Software „tricky“. Was wir hier gerade tun ist ein System einzuführen, das bei jedem neuen Feature für jeden (!) Sender die Playlisten über Wochen in der Vergangenheit neu erstellt, und zwar mit dem neuen Code der im Test ist, und dem stabilen der letzten Version. Das ist eigentlich der Gold Standard in der Softwareentwicklung.  

 

Red: Auf welche neuen Features dürfen wir uns freuen: 

 

Christian: Es gibt künftig in unserem „Update“ Newsletter eine eigene Rubrik dafür. Wir werden mehr die Power der künstlichen Intelligenz nutzen, um Content besser zu organisieren, Teile zu Archivieren und den OnAir Sound zu perfektionieren. Außerdem sollen Workflows weiter optimiert werden und die Arbeit von Remote  

Immer praktischer werden.  

 

Weil immer wieder gefragt: Auch Live wollen wir implementieren. Allerdings nicht wie es von den traditionellen Softwaren gemacht wird (da gibt es ja bereits viele gute Lösungen), sondern auch hier komplett Cloud basierend, vom Mischpult in der App bis zur Kartwall für Jingles am Webbrowser. Vermutlich wird auch nach Corona die Nachfrage nach Homeoffice Funktionen höher sein als bisher. Auch wenn heute jeder irgendwie auch bestehende Sendesytsem von zuhause aus bestücken kann, es ist meist sehr umständlich, wenn man dann mit TeamViewer per Ferne versucht die Playlisten zu erstellen. Wir wollen, dass die Moderatorinnen sich maximal auf die redaktionellen, Kreativen Dinge fokussieren können. Außerdem wollen wir einen gesunden Mix zwischen „alles automatisiert“ und „ich möchte aber jetzt doch mal eingreifen“ bereitstellen. Während wir heute besser als alle anderen Dinge automatisch machen, wünschen sich Radio Hosts auch manchmal doch nicht „Hand anlegen“ zu können. Das kann man in Zukunft wieder mehr, oder eben „KI“ für sich arbeiten lassen. 

 

Red: Spannend. Danke für das Gespräch. 

Christian Brenner